Negative Einkommensteuer als Alternative zum BGE
Die Diskussion über Einkommensungleichheit und Armutsbekämpfung ist lauter geworden als je zuvor. Wir stehen an einem Punkt, an dem traditionelle Sozialsysteme hinterfragt werden – und zwei Modelle rücken immer stärker in den Fokus: die Negative Einkommensteuer und das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Beide versprechen soziale Sicherheit und Einkommensstabilität, doch sie funktionieren nach völlig unterschiedlichen Prinzipien. Wir untersuchen, wie diese Systeme arbeiten, welche Vor- und Nachteile sie bieten, und ob die Negative Einkommensteuer wirklich eine praktikable Alternative darstellt.
Was ist die Negative Einkommensteuer?
Grundprinzipien und Funktionsweise
Die Negative Einkommensteuer ist ein elegantes, zielgerichtetes System, das wir am besten als Umkehrung der klassischen Steuerprogression verstehen können. Statt dass der Staat von hohem Einkommen Steuern eintreibt, zahlt er bei niedrigem Einkommen Transfers aus – proportional zu der Einkommenslücke.
Wie funktioniert das konkret? Angenommen, wir definieren eine Garantievergütung von 15.000 Euro pro Jahr und einen Steuersatz von 50 Prozent. Ein Bürger mit eigenem Einkommen von 5.000 Euro erhält einen Transfer von 7.500 Euro (50 % der Differenz von 10.000 Euro). Sein Gesamteinkommen würde dann 12.500 Euro betragen – höher als vorher, aber unterhalb der Garantie. Das Entscheidende: Der Transfer sinkt proportional zu jedem Euro, den der Betroffene selbst verdient.
Dieses System schafft starke Arbeitsanreize. Im Gegensatz zu vielen traditionellen Sozialhilfen, die bei Erwerbstätigkeit vollständig wegfallen, behält der Einzelne hier immer einen Anteil des Transfers – es lohnt sich wirtschaftlich, mehr zu verdienen.
Historischer Hintergrund und theoretische Grundlagen
Die Idee stammt nicht aus der modernen Linken, sondern von Ökonomen aus dem konservativen Spektrum. Der US-amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman prägte 1962 das Konzept der “Negative Income Tax” als Gegenentwurf zum bürokratischen Wohlfahrtsstaat. Friedman sah darin einen Weg, Armut zu bekämpfen, ohne die Marktwirtschaft zu ersticken.
In den 1960er und 1970er Jahren führten die USA und Kanada mehrere Pilotprojekte durch – die bekanntesten in New Jersey und Manitoba. Diese Experimente lieferten wichtige Erkenntnisse: Das System war administrativ machbar, die Arbeitsangebote fielen weniger dramatisch als befürchtet, und die psychologischen Effekte waren bei weitem nicht so negativ wie prognostiziert.
Wir können sagen, dass die Negative Einkommensteuer auf einer bewährten ökonomischen Theorie basiert, die durch empirische Daten gestützt wird – was sie von vielen anderen Reformideen unterscheidet.
Das Bedingungslose Grundeinkommen: Überblick und Konzept
Das Bedingungslose Grundeinkommen unterscheidet sich fundamental vom präzisen Ansatz der Negativen Einkommensteuer. Beim BGE erhalten alle Bürger – unabhängig von Einkommen, Vermögen oder Erwerbstätigkeit – einen festen, gleichen Geldbetrag. Keine Bedürftigkeitsprüfung, keine Anrechnung anderer Einkommen, keine Bürokratie.
Stellen wir uns vor: Jeder erwachsene Mensch in Deutschland erhält monatlich 1.000 Euro. Eine Millionärin erhält diese Summe genauso wie ein Arbeitsloser. Ein Künstler, der monatlich 500 Euro verdient, bezieht das BGE zusätzlich, nicht angerechnet oder reduziert.
Die Attraktivität liegt in der Universalität und Einfachheit. Wir brauchen keine aufwändigen Überprüfungen, wer bedürftig ist. Wir eliminieren die Stigmatisierung von Sozialhilfe. Und wir schaffen echte ökonomische Freiheit – Menschen können Risiken eingehen, sich weiterbilden oder ehrenamtlich arbeiten, ohne in Armut zu rutschen.
Doch das BGE ist auch teuer. Um eine monatliche Zahlung von 1.000 Euro an 80 Millionen Deutsche zu finanzieren, benötigen wir rund 960 Milliarden Euro pro Jahr – eine Summe, die den gesamten deutschen Bundeshaushalt um etwa ein Drittel übersteigt. Das erklärt, warum das BGE in den meisten Ländern experimentell bleibt und nicht als vollständiges Sozialsystem umgesetzt wurde.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Praktische Unterschiede in der Umsetzung
Wir müssen hier präzise sein, denn die praktischen Unterschiede haben erhebliche Konsequenzen:
| Universalität | Zielgerichtet auf niedrige Einkommen | Universell für alle |
| Bedarfsprüfung | Ja, Einkommensprüfung erforderlich | Nein, bedingungslos |
| Kosten | Geringer (ca. 0,5–1,5 % des BIP) | Sehr hoch (3–5 % des BIP) |
| Administrativer Aufwand | Mittel bis hoch | Sehr niedrig |
| Arbeitsanreize | Stark (abnehmend mit höherem Einkommen) | Variabel (abhängig von Höhe) |
| Stigmatisierung | Gering bis mittel | Keine |
| Finanzierbarkeit | Realistisch kurzfristig | Langfristig kontrovers |
Die Negative Einkommensteuer ist ein chirurgisches Messer – präzise, effizient, aber erfordert noch administrative Strukturen. Das BGE ist ein Hammer – simpel, aber teuer und weniger zielgerichtet.
Überschneidungen in den Zielsetzungen
Trotz ihrer Unterschiede verfolgen beide Systeme ähnliche Ziele:
- Armutsbekämpfung: Beide garantieren ein Mindesteinkommensniveau
- Vereinfachung der Sozialbürokratie: Beide ersetzen teilweise das fragmentierte Sozialsystem
- Wirtschaftliche Sicherheit: Beide reduzieren existenzielle Angst und Unsicherheit
- Arbeitsmarktflexibilität: Beide ermöglichen es Menschen, risikoreiche Positionen anzunehmen
Wir können sagen: Wenn wir die Zielsetzungen betrachten, sind diese beiden Modelle Cousins, nicht Rivalen. Der Unterschied liegt in der Strategie, nicht in der Vision.
Vor- und Nachteile der Negativen Einkommensteuer
Vorteile und Stärken
Finanzielle Effizienz und Realismus
Wenn wir ehrlich sind, ist die Negative Einkommensteuer schlicht günstiger. Sie zielt Mittel dorthin, wo sie am meisten helfen – zu denen, die sie brauchen. Die Kosten bewegen sich in einem realistischen Rahmen von 0,5 bis 1,5 Prozent des BIP, was selbst große Länder verkraften können, ohne ihre gesamte Finanzstruktur umzugestalten.
Starke Arbeitsanreize
Das System bewahrt das, was Ökonomen “Substitutionseffekt” nennen: Mit jedem Euro, den wir selbst verdienen, steigt unser Gesamteinkommen (auch wenn der Transfer sinkt). Das unterscheidet sich fundamental von klassischer Sozialhilfe, wo der Übergang von Arbeitslosigkeit zu Beschäftigung finanziell nachteilig sein kann.
Politische Machbarkeit
Die Negative Einkommensteuer hat eine breite intellektuelle Koalition – von Milton Friedman über Ökonomen wie Gary Becker bis zu modernen Forschern. Sie ist nicht ideologisch aufgeladen wie das BGE, sondern eine pragmatische Reform, die konservativ und progressiv klingt.
Reduktion bürokratischer Komplexität
Zwar ist die Umsetzung nicht trivial, aber sie ersetzt dutzende verschiedener Transferprogramme durch ein einfaches System. Wir reduzieren Fragmentation und schaffen Transparenz.
Kritische Punkte und Herausforderungen
Vollständige Stigmatisierung bleibt bestehen
Das System benötigt Bedarfsprüfungen. Menschen müssen offenbaren, dass ihr Einkommen unterhalb der Schwelle liegt – das schafft psychologische Barrieren, die einige nicht überwinden werden, auch wenn sie berechtigt wären.
Verwaltungsaufwand und Kontrolle
Wir brauchen Systeme, um Einkommenserklärungen zu überprüfen. Das bedeutet Bürokratie, Kontrollmechanismen und die Möglichkeit von Missbrauch und Überprüfungen. Das ist weniger elegant als eine universelle Zahlung.
Arbeitsangebotseffekte sind komplex
Obwohl die Theorie starke Arbeitsanreize voraussagt, zeigen historische Daten gemischte Ergebnisse. Bei höheren Transferquoten (dem Prozentsatz, in dem der Transfer sinkt) gab es überraschend starke Rückgänge beim Arbeitsangebot – insbesondere bei Sekundärverdienern wie Ehepartner.
Armutsfalle durch Steuersätze
Wenn der Steuersatz der Negativen Einkommensteuer hoch ist (sagen wir 70 %), hat der Arbeitnehmer in der Praxis eine sehr hohe marginale Steuerbelastung. Das könnte neue “Armutsfall-Szenarien” schaffen, in denen zusätzliches Einkommen kaum profitabel ist.
Wir müssen auch beachten, dass für eine echte Wirksamkeit das System mit anderen Steuern koordiniert werden muss – sonst entsteht ein inkohärentes Gesamtsystem.
Internationale Beispiele und Pilotprojekte
Die Geschichte gibt uns konkrete Anhaltspunkte.
Die USA-Pilotprojekte (1960er–1970er)
Das Negative Income Tax Experiment in New Jersey (1968–1972) mit etwa 1.400 Haushalten war eine der ersten strengen Tests. Die Ergebnisse waren nuanciert: Das Arbeitsangebot sank, aber weniger dramatisch als befürchtet – etwa 5–10 Prozent bei primären Verdienern, stärker bei Sekundärverdienern (bis 20 Prozent). Die Zufriedenheit mit Finanz- und Lebenssituation stieg. Interessanterweise erhöhte sich die Scheidungsrate – ein sozialer Effekt, den traditionelle Wohlfahrtsökonomen übersehen hatten.
Kanada: Manitoba und Alberta (1974–1979)
Das MINCOME-Projekt in Winnipeg war noch umfassender. Familien mit garantiertem Einkommen zeigten verbesserte Gesundheitsergebnisse und Schulleistungen der Kinder. Das Arbeitsangebot fiel, aber weniger dramatisch als in den USA – etwa 4 Prozent für Männer, mehr für Frauen. Die Regierungen schafften das Programm dennoch ab – nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus politischen Rücksichtnahmen auf die Wahrnehmung einer “Abhängigkeit”.
Finnland (2017–2018)
Finland testete ein Grundeinkommen (nicht technisch eine Negative Einkommensteuer, aber konzeptionell verwandt) mit 2.000 Euro monatlich an 2.000 zufällig ausgewählten Arbeitslosen. Die Effekte waren subtil: Keine massiven Veränderungen beim Arbeitsangebot, aber verbesserte mentale Gesundheit und Wohlbefinden. Die Erwerbstätigenquote unterschied sich nicht signifikant vom Kontrollpunkt.
Kenia und Entwicklungsländer
Neuere Experimente der GiveDirectly in Kenia zeigen, dass unbedingtes Bargeld keine systematische Wirtschaft-Schrumpfung verursacht – Menschen arbeiten weiterhin, gründen Unternehmen und investieren. Das stellt einige klassische Prognosen in Frage, könnte aber auch kulturell spezifisch sein.
Wir sehen: Die empirische Evidenz ist gemischter als die theoretische Prognose. Arbeitsangebotseffekte sind real, aber kleiner als oft befürchtet. Die psychologischen und sozialen Effekte sind ebenso wichtig wie die ökonomischen – und oft positiv überraschend.
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